Kampagnenmanagement und Wahlkampf

Je straffer die Struktur und je konsequenter die Führung einer Kampagne, umso kleiner sind die Reibungsverluste und umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kampagne erfolgreich abgewickelt werden kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Parteigremien das Kampagnenkonzept vorab absegnen und bereit sind, eine Trennung von Parteiführung und Kampagnenmanagement in Kauf zu nehmen. Die/der Spitzenkandidat_in und das Kampagnenteam sind als alleiniges Führungsorgan für den Wahlkampf verantwortlich, erhalten vom Vorstand ein entsprechendes Handlungsmandat und müssen straff organisiert sein.

Wahlkampfzeiten

Wahlkampfzeiten sind für alle Parteien eine große Herausforderung mit vielen Entscheidungen– wer geht ins Rennen, welche Strategie, wieviel Geld, welche personelle Ressourcen etc. Parteiintern geht es v.a. darum wer mitreden und mitentscheiden darf. Ein Wahlkampf ist auch ein permanentes Wechselbad an Emotionen – Euphorie und Unsicherheiten, Motivationsschübe und Erschöpfung, Loyalität und Vertrauenskrisen etc. sind ständige Begleiter_innen.  Parteiführung und Kampagnenmanagement sind deswegen vor allem auch eine Frage interner Kommunikation und guter Organisation, eine Frage von Vertrauen, notwendiger Gelassenheit und der unbedingten Bereitschaft zur Zusammenarbeit und Unterstützung.

Eine Wahlkampagne ist eine Ansammlung verschiedenster Projekte. Das beginnt mit der Entwicklung des Kampagnenkonzeptes und endet mit dem Resümee am Tag nach der Wahl. Dazwischen gibt es eine Vielzahl an kleinen und großen Aufgaben mit genauso vielen Unvorhersehbarkeiten zu bewerkstelligen. Dafür braucht es eine straffe Organisationsstruktur mit klaren Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten. Es hat sich bewährt, für die Dauer des Wahlkampfes neben den bestehenden Parteistrukturen eine eigene Kampagnenorganisation aufzubauen. Wahlkampfarbeit ist nicht mit der politischen Alltagsarbeit einer Partei wie Meinungsbildung, Informationsarbeit und Mitgliederbetreuung vergleichbar und schon gar nicht zusätzlich dazu abwickelbar. Die Führung von Kampagnen ist ein Sonderprojekt.

Parteiarbeit und Kampagnenmanagement

Parteiführung und -management verlangt viel an Gespür für die Interessenpolitik im eigenen Haus und die internen Befindlichkeiten Das gilt für die Entscheidungsvorbereitung und Entscheidungsfindungsprozesse in den Gremien oder auch die notwendige Sensibilität, wenn die Parteispitze eine öffentliche Stellungnahme abgibt. Politik machen heißt hier mittel- bis langfristig eine breite, interne Unterstützung für die politische Arbeit mobilisieren und sicherstellen zu können. Das ist eine Frage von Menschenführung mit Fingerspitzengefühl und der Fähigkeit der Parteileitung zu Kooperation und Konsensfindung. Das Ergebnis ist eine Partei, die auf einem sicheren Fundament nach außen möglichst geeint und geschlossen auftreten kann, Grundprinzipien sind hier Beständigkeit und ein möglichst umfassender, ganzheitlicher Blick.

Kampagnenmanagement in Wahlkampfzeiten ist bis zu einem bestimmten Grad das ganze Gegenteil davon. Zeit und Ressourcen sind knapp, die Dynamik ist ungleich höher und vielfach auch von außen fremdbestimmt. Eine effiziente und effektive Kampagnenführung ist anlog zur Parteiführung so nicht möglich. Die Abwicklung von politischen Kampagnen muss schnell gehen, verlangt viel an Flexibilität von allen Teammitgliedern und braucht kurze und möglichst freie Wege der Entscheidungsfindung und Kommunikation. Kampagnenmanagement muss fast zwangsläufig viel stärker autoritär und kompromissloser geführt werden. Kampagnen zu managen und zu gewinnen heißt hier, bis zum Wahltag außen möglichst gut mobilisieren zu können (oder bei den Mitbewerber_innen zu demobilisieren). Die Kraft der Kampagne entfaltet sich in ihrer Geradlinigkeit, Grundprinzipien sind hier Selektion und Zuspitzung.

Wahlkampfmanagement

Kampagnenteam – Spitzenkandidat_in mit Kernteam

Das Kampagnenteam im Wahlkampf bildet sich aus Spitzenkandidat_in und dem operativen Kernteam. Sie müssen als Kampagnenteam eine fest verschworene Einheit bilden (können). Der Dienstweg über Parteigremien in Wahlkampfzeiten kostet nicht nur viel an Zeit, die während der Kampagne so selten gegeben ist (wg. Verfügbarkeit der Mitglieder, Fristenläufe etc.) sondern bindet auch viel an Energie und Motivation. Gerade die Innovationskraft, der Freiraum für Ideenentwicklung – und umsetzung wird durch langatmige Parteigremienarbeit und internen Befindlichkeiten oft flach geschliffen und der Mut und die Entschlossenheit genommen. Eine Kampagne muss aber über den eigenen Tellerrand schauen können, sie muss oft mutig sein, um aufzufallen. Nur mutige Kampagnen können Menschen mobilisieren.

Das Kernteam ist die operative Wahlkampfzentrale wo alle Fäden und Kommunikationswege zusammenlaufen (müssen). Die/der Kampagnenleiter_in übernimmt die Verantwortung für Aufgabenaufteilung, die Arbeitsorganisation im Team und das Kampagnenbudget. Aber Achtung: Die Ressourcen reichen nicht aus, um gleichzeitig auch Parteiarbeit zu leisten oder Infostände aufzubauen, Luftballons aufzublasen und Flyer zu streuen. Aber es in der Verantwortung des Kernteams, freiwillige Helfer_innen und Aktivist_innen zu mobilsieren, zu koordinieren, entsprechend vorzubereiten und auszustatten

Für die/den Spitzenkandidatin_en ist das Kernteam Hauptansprechpartner für sämtliche Belange. Dementsprechend wichtig ist eine entsprechende Vertrauensbasis und Verlässlichkeit. Bei der Rekrutierung und Zusammensetzung muss daher der/dem Spitzenkandidatin_en eine möglichst freie Wahl gelassen werden. Auch hier gilt: ein allfälliges Leitungsteam der Parteiführung kann nicht die Einsetzung eines Kampagnenteams ersetzen bzw. für die Dauer des Wahlkampfes selbst als Wahlkampfteam agieren.

Strategisches Zentrum – Bindeglied zwischen Parteiführung und Kampagnenteam

Das strategische Zentrum in Wahlkampfzeiten bildet sich aus der/dem Spitzenkandidat_in, einer Vertrauensperson aus der Partei/dem Vorstand und der Kampagnenleiter_in. Dieses Dreieck entscheidet in letzter Konsequenz die strategische Linienführung und agiert als Bindeglied zwischen Parteivorstand bzw. Parteileitung und dem Kampagnenteam.

Organisation, Aufgabenteilung und Zusammenspiel

Um mutige und schlagkräftige Kampagnen aufsetzen zu können, braucht das Kampagnenteam ein entsprechendes Handlungsmandat, abgesegnet und mitgetragen durch den Parteivorstand bzw. die Parteileitung[1]:

  1. Das Kampagnenteam ist alleinig für die Führung und Abwicklung der Kampagne verantwortlich.
  2. Die/der Kampagnenleiter_in und das Team stehen unter der Führung der/des Spitzenkandidatin_en.
  3. Alle Wahlkampfaktivitäten, Medienanfragen und -kontakte müssen ausnahmslos vorab mit der Kampagagnenleitung geklärt und genehmigt werden – ein Informationsaustausch ist zwingend notwendig.
  4. Die Kampagnenstrategie kann nur mit Einwilligung der Spitzenkandidat_in, der Kampagnenleitung und dem Kampagnenteam abgeändert werden.
  5. Parteigremiensitzungen werden auf ein Minimum reduziert, Spitzenkandidat_in und Kampagnenleitung werden für die Dauer des Wahlkampfes in den Parteivorstand kooptiert.

Die Organisationsstruktur des Wahlkampfteams baut auf drei Ebenen:

  1. Partei
  2. Kampagnenteam + Spitzenkandidat_in
  3. Aktivist_innen

Das Kernteam rund um die/den Spitzenkandidat_in besteht inklusive Leitung aus mindestens drei Teammitgliedern. Die Verantwortlichkeiten werden je nach Erfahrung, Begabung und Bereitschaft aufgeteilt und umfassen folgende Aufgabenbereiche:

  1. Recherche und Dokumentation
  2. Medienarbeit, Social Media und Vernetzung
  3. Mobilisierung und Aktionen
  4. Büroorganisation, Termine und Finanzverwaltung
  5. Begleitung und Betreuung der/des Spitzenkandidat_in
  6. Koordination/Schnittstelle (Bund-Land-Gemeinde etc)
Kampagnenorganisation

Kommunikationslinien

Input in das Kampagnenteam über Dritte, Erfolgsmeldungen, Kritik, Empfehlungen udgl. werden zentral über die Kampagnenleitung erfasst und sollten tunlichst nicht über Dritte direkt/persönlich an die/den Spitzenkandidat_in erfolgen. Der Grund liegt nicht an einer übertriebenen Abschottung der Spitzenkandidat_innen durch das Kamagnenteam sondern vielmehr an den dafür notwendigen Zeit- und Energieaufwand. Gut gemeinte Ratschläge und Rückmeldungen den Spitzenkandidat_innen ungefiltert zwischen Tür und Angel auszurichten, kann sich bei der Fülle und oft fehlender Sensibilität sehr schnell ins Gegenteil verkehren und Unsicherheit und Stress verursachen (das gilt natürlich auch für Emails, Social Media Aktivitäten udgl.).Umgekehrt muss sich natürlich die/der Spitzenkandidat_in darauf verlassen können, dass das Kampagnenteam hier nicht eigenmächtig Politik macht und gegenüber Parteimitgliedern und Funktionäre_innen eine Mauer baut, wo nichts mehr durchgeht.

Die Kommunikationsarbeit – intern wie extern – braucht in Wahlkampfzeiten kurze Kommunikationswege. Klare Kommunikationslinien zwischen Kernteam und Spitzenkandidat_in ermöglichen es schnell und einvernehmlich auf Veränderungen reagieren zu können.

 

[1] vgl. Gut geplant ist halb gewonnen. Kampagnen: Die schönste Herausforderung, seit es Politik gibt. Ein Trainingsbuch, hrsg. v. Friedrich-Ebert-Stiftung, Akademie Management und Politik, Bonn: 2005, S. 44